Die Festspiele im Dritten Reich

Aufführungspraxis von 1933 - 1939

Wie es im totalitären System der Nationalsozialisten üblich war, strebten diese nach der völligen Kontrolle, selbst über das kulturelle Leben. Demzufolge wurde auch die Reichskulturkammer, die der staatlichen Erfassung aller kulturellen Bereiche diente, eingerichtet. Auf den unteren Ebenen wurden hierfür spezielle Landesstellen geschaffen, die natürlich auch Freilichtspiele erfassten, da diese aufgrund der Nähe von Bühne und Publikum besonders gut für propagandistische Maßnahmen geeignet waren. Die suggestive Wirkung auf das Publikum und die großen Zuschauerzahlen boten den Nazis ideale Schauflächen für ihre kulturelle Propaganda. Deshalb wurden Freilichtspiele besonders gefördert und sogar 18 Freilichtstätten als ‘reichswichtig’ erklärt.

alte FotografieDie Aufmerksamkeit der unterfränkischen Parteileitung richtete sich selbstverständlich auch auf die Festspiele in Giebelstadt, welche daraufhin eine Betonung erfuhren, die sich schon äußerlich in der Aufmachung des ‘Schauplatzes’, aber auch sonst im Dorf niederschlug. „Unter neuem Zeichen wurden heuer die Giebelstädter Festspiele eröffnet: nicht nur von den Häusern des Dörfleins, sogar vom Turm der Geyerschen Schloßruine herab weht das Hakenkreuzbanner. Das sechsseitige Programm des Spieles schmückt allseitig dasselbe Zeichen. SA-Leute empfangen die Gäste und halten Ordnung. Eine SA- Musikkapelle spielt vor Beginn schneidige Märsche und Volkslieder.“ 

Der Einfluss der Partei zeigte sich nicht nur durch das Hissen der Hakenkreuzfahnen, sondern auch bei der Neuausrichtung der Werbung für die Festspiele. In diesem Rahmen beschlossen der Giebelstädter Bürgermeister und Ortsgruppenleiter der NSDAP, Otto Scheer, Gauleiter Dr. Otto Hellmuth, Würzburgs Oberbürgermeister und Mitglieder des Festspielausschusses, nachdem sie Inhalt und Propaganda des Festspiels studiert hatten „aus dem Fest- und Freiheitsspiel ein ’Frankenspiel’ zu machen“, welches alle Franken ansprechen sollte. Hierbei wird deutlich, dass Giebelstadt künftig eine ganz besondere Rolle zukam, wie sie zuvor in den Zwanzigerjahren nur die Heimatspiele zu Kiliani innehatten. So wurde nach 1933 das Giebelstädter Festspiel anstelle von Kiliani unter dieses Motto gestellt.

Die Aufführungen fanden alljährlich zu Pfingsten statt, wobei die genaue Anzahl dieser nicht festgelegt war, da bei besonderen Ereignissen Sondervorstellungen gegeben wurden.

Genaue Besucherzahlen kann man nicht erschließen, da meist nur von „Hunderten und aber Hunderten“ die Rede war. Bei Sonderaufführungen wie zum Beispiel am 8. Juli 1934, beim Besuch von Reichsbauernführer und Reichsminister Darre’, wird sogar von bis zu 6000 Besuchern gesprochen, bei einer damals viel kleineren Ortsgröße: „Das Haus war brechend voll und bei einer Bruthitze wurde das Spiel vor feinem hohen Gast und 6000 Menschen vorgetragen“.

alte FotografieDass solch hohe Besucherzahlen überhaupt möglich waren hat unterschiedliche Gründe. Zum einen wurden durch den Verkehrsverein Würzburg Bus- und Autoverbindungen zu den Aufführungen organisiert. Eine weitere Ursache lag sicherlich auch in der technischen Verbesserung durch das Aufstellen einer Lautsprecheranlage, die die Attraktivität und Qualität der Aufführung deutlich erhöhte. Der Hauptgrund lag aber wohl darin, dass Vereine, Verbände und Parteigliederungen systematisch zum Besuch der Giebelstädter Freilichtspiele verpflichtet wurden. Diese Verpflichtung galt insbesondere für Parteigenossen. In einer Anordnung der NSDAP-Kreisleitung Würzburg-Land wird zu einer Mund-zu-Mund Propaganda für die Aufführungen aufgerufen und vor allem wird „aus den Kreisen der Parteigenossen eine rege Beteiligung erwartet“.

In gleichem Maße wurden auch Besucher aus dem Ausland und Gruppen aus anderen Reichsgebieten zum Besuch der Festspiele eingeladen. So waren 1938 beispielsweise auch Besucher aus der wenige Monate zuvor angeschlossenen ‘Ostmark’ anwesend.

Die letzte Aufführung fand am 29. Mai 1939 statt. Dann wurden die Festspiele kriegsbedingt eingestellt, allerdings wurden 1941 und 1949 zum Todestag Geyers Weihestunden in der Ruine abgehalten.

Autor: Frank Osadca